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Ausgabe November 2003 extraDrei im Gespräch mit dem Abgeordneten Michail Nelken Irgend etwas ist immer zu machen. Michail Nelken wurde 1952 geboren. Seit 1979 wohnt Michail in Prenzlauer Berg.
Du bist vor zwei Jahren von der Oppositions- auf die Regierungsbank gewechselt. Hat sich die Arbeit vor Ort verändert? Im Kiez sprechen mich die Leute nach wie vor als Person, weniger als Repräsentant einer Regierungspartei an. Ich bin nun aber stärker in den Parlamentsbetrieb eingebunden. Dass heißt, weniger Zeit für den Kiez. Du wohnst schon lange am Falkplatz und bist Zeuge einer ziemlichen Veränderung geworden ... Vor 1990 lebte man hier in einem loyalen Milieu mit dem Rücken zur Mauer. Am Falkplatz war die DDR zu Ende. Aber schon 1990 entstand die erste Bürgerinitiative: Der Mauerstreifen sollte Park und keine Straße werden. Hast Du da mitgemischt? ch hab Bäumchen gepflanzt. Seit 1991 war ich zudem am Aufbau einer Betroffenenvertretung beteiligt. Damals wurde untersucht, ob der Kiez Sanierungsgebiet wird. Dazu wurden Bürger beteiligt. Man lief witzigerweise zuerst bei den früheren Wohnbezirksausschüssen (WBA) auf, auch bei mir. Seit 1994 veränderte sich die Bevölkerungsstruktur, aber langsamer als bspw. am Helmholtzplatz. Das Milieu blieb relativ lange erhalten und war gut organisiert. Als wir gegen die Öffnung des Gleimtunnels protestierten, waren das größtenteils Alteingesessene. Die Bürgerinitiative gegen den Bau des Aldi-Marktes 2002 bestand dagegen zu 90 Prozent aus Zugezogenen. Was hat sich im Quartier zum Negativen entwickelt? Aldi ist in Betrieb. Mit der Öffnung der Gleimstraße in den Neunzigern wurde eine Schneise durch die Wohngebiete gehauen. Die Max-Schmeling-Halle wurde mitten in den Kiez gebaut. Ein Parkhaus konnte jedoch verhindert werden. Das Colosseum wurde als Multiplex-Kino eröffnet. Auch die Energie, die wir für den Erhalt der Milieustruktur entfaltet haben, konnte nur bremsend wirken, aber nicht den ökonomischen Druck aus dem Gebiet nehmen. Ohne das Engagement wäre aber alles noch viel schlimmer geworden. Wieso gab es gegen den Aldi-Markt solchen Protest? Von städtebaulichen Fehlentscheidungen blieb der Kiez um die nördliche Schwedter Straße, wo der Kinderbauernhof steht, bisher verschont. Hier war Ruhe- und Rückzugsraum, der Mauerpark ist inzwischen eher Eventraum. Genau hier baut man einen Aldi-Markt. Dieser Schritt schädigt das letzte ruhige Gebiet am Falkplatz. Am Protest beteiligten sich anfangs über 200, sonst nicht engagierte Leute auch die Zugezogenen. Das war neu. Immerhin ist die Schwedter Straße verkehrsberuhigt, weitere Straßen sind nicht angebunden, so dass kein Durchgangsverkehr entsteht. Was wurde mit Engagement noch erreicht? Vom Mauerpark und dem Parkhaus war schon die Rede. Die Gleimstraße hat Tempo 30. Es ist zwar nicht immer passiert, was man wollte. Aber die Verwaltung hat gemerkt, dass es Zoff gibt und sie reagieren muß. Deshalb ist der Kiez jetzt Milieuschutzgebiet. Wir sind mit einem zwanzig Meter großen Transparent gegen den damaligen Bausenator durch die Straßen gezogen, worauf stand: »Nagel lügt«. Das hatte mehr Wirkung, als ich im Abgeordnetenhaus entfalten konnte. Wie versuchst Du Deine Kiezerfahrung im Mandat umzusetzen? Oft glaube ich, ein besseres Vorstellungsvermögen von den Auswirkungen unserer Politik zu haben. Das Engagement im Wohngebiet ist motivierend. Man kennt die Bezirksverordneten, den Sanierungsbeirat, Aktive aus dem ganzen Bezirk. Man hilft sich, man merkt, dass etwas im Kiez verändert werden kann. Hast Du Leute erlebt, die gesagt haben: »Es reicht. Wir haben hier gekämpft über Jahre und es hat doch nichts genützt...« Einer sagte neulich nach dem schlechten Kompromiß zum Aldi-Markt: »Wie immer. Wir haben uns engagiert und die scheißen uns sowieso an.« Resignationserfahrung gibt es, daher sind nur so wenige aktiv. Was auch fehlt, ist Infrastruktur, die für Selbstorganisation der Menschen nötig ist: Räume, Computer. Da hilft auch das Quartiersmanagement nicht, weil es wenig nachhaltig arbeitet, sondern sich noch mit den aktiven Bürgern in Konflikt begibt. Wie steht es bei Dir selbst mit der Resignation? [Zuckt mit den Schultern.] Ich bin da unempfindlich. Immer wenn ein Punkt kommt, macht man wieder weiter. Denn es geht um die Gestaltung des eigenen Lebensumfeldes. Wären morgen Neuwahlen, würdest Du da noch mal antreten? Phh. [Langes Zögern.] Ja, irgend etwas ist immer zu machen. Interview: Klaus Lederer |